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Über den Neustart der Fußball Bundesliga

 

 

Nun soll die Bundesliga also, als fast einzige der großen Ligen, wieder starten. Mag sein, dass man auch behaupten kann, dass in Deutschland das beste Gesundheitssystem besteht und somit hier die schädigenden Auswirkungen auf einem Minimum gehalten werden konnten. Man könnte aber auch schlicht behaupten, dass Deutschland als eines der umsatzstärksten Länder im Fußball als erstes die Vernunft monetären Überlegungen gegenüber in den Hintergrund treten ließ. 

 

Nun sollen derartige Überlegungen jedoch hier nicht Thema werden. Es sollte nur mal angesprochen werden, dass man das auch durchaus etwas kritisch betrachten kann. Zumal es eben im Profibereich tatsächlich einige Infektionen gab und so sogar eine der 18 Partien der ersten und zweiten Liga bedingt dadurch abgesagt werden musste (Hannover – Dresden). Da müsste den Verantwortlichen doch auch auffallen, dass man nun nicht einfach auf Alltag und Unbeschwertheit umschalten kann?

Wie auch immer: es soll gespielt werden. Mit den Spielen eröffnet natürlich auch der Wettmarkt wieder. Auch dieser Wirtschaftszweig war betroffen, jedoch nicht von Hilfeleistungen besonders beachtet oder gestützt. Da wird vermutlich der Mangel an Reputation des gesamten Geschäfts seinen Beitrag geleistet haben. Noch immer steht die Wettbranche bei weiten Teilen der Bevölkerung in einer Art „Twilight-zone“.

 

Ändert auch nichts daran, dass es nun, auch in diesem Bereich wieder losgeht. Nun kann man sich an allen Ecken und Enden von so – oder auch selbst ernannten Experten Ratschläge einholen kann, wie sich die Abwesenheit von Zuschauern auf die Spiele/Spieler auswirken wird. Natürlich auch der Aspekt der längeren Unterbrechung, nicht etwa abgelöst von einem regulären, geordneten Trainingsauftakt, spielt eine Rolle in den „Expertenüberlegungen“. 

 

Aus der eigenen Sicht ist es so: wir haben gewisse, steuernde Parameter in den mathematischen Modellen, welche sich auf diese oder jene Art entwickeln und welche gut gepflegt und permanent beobachtet und überprüft werden. Die Zahlen stehen ständig und dauerhaft auf dem Prüfstand. Man kann sie a) mit sich selbst abgleichen. Das wäre ein klassicher Soll-Ist-Abgleich: wie viele Tore erwartet, wie viele sind gefallen. Für Heimteams, für die Auswärtsteams, in der Summe und pro Mannschaft. Wie viele für sie erwartet zu erzielen, wie viele erwartet zu kassieren, wie viele hat diese Mannschaft erzielt, wie viele kassiert. Es gibt auch weitere derartige Vergleiche, die hier nicht aufgezählt werden sollen, das Prinzip sollte aber klar geworden sein: Erwartung im Abgleich mit der Realität.

 

b) jedoch werden sie zugleich mit der Allgemeinheit, mit dem Wettmarkt, mit anderen Buchmachern verglichen. Und zu guter Letzt die ultimative Prüfung besteht natürlich in der Abrechnung der Wetten, welche man platziert hat. Wie ist der yield, hat man gewonnen oder womöglich auch verloren? Hier ist die gewisse Einschränkung bei der Überprüfung: man vergleicht quasi nur die Spiele mit einer sehr großen Abweichung, weil es sogar zu einer Wette kam. Die kleineren Abweichungen machen sich statistisch nicht in diesem Sinne bemerkbar. Man hatte es vielleicht besser als der Wettmarkt, konnte aber kein Kapital draus schlagen.

 

Nun sind hier nur mal einige Aspekte diskutiert, welche relevant sind für die Stich- und Nachhaltigkeit der eigenen Zahlen. Herausgestellt werden sollte lediglich, dass die Parameter permanent beobachtet, überprüft und angepasst werden (die Anpassung geschieht im Programm automatisiert). Nur ist es auffällig, dass gerade jetzt sich all die Menschen dazu äußern, die vorher nie darüber gesprochen haben.

Dies legt den Schluss nahe, dass sie sich früher auch nicht ernsthaft damit beschäftigt haben. Insofern würde ich den Äußerungen auch selbst keine besondere Bedeutung beimessen. Man sollte sich also lieber auf die hier getätigten Beobachtungen und die daraus resultierende schlüssige Argumentation verlassen.

 

Zwei sehr wichtige Parameter sind der Heimvorteil und der Toreschnitt. Beide werden allgemein recht selten erwähnt. Auch bei den (vermeintlichen) Wettprofis nicht. Sie sehen hier ein over, dort ein under. Mag schon sein. Nur fehlt da eben nach hier vertretener Ansicht die Zahlenbasis oder überhaupt ein Vergleichswert. Wie müsste denn die line sein? Wie ist sie allgemein in der Bundesliga?

 

Auf den Toreschnitt bezogen gibt es diese Beobachtung: der Markt scheint weniger Tore zu erwarten. Die lines sind, gegenüber der gleichen, bereits im März angesetzten Spielrunde, oft um ein halbes Tor niedriger. Sprich also: der Markt erwartet ein halbes Tor weniger pro Spiel. Festzumachen wäre das so: der Toreschnitt in der ersten Liga ist derzeit bei 3.25 Toren pro Spiel. Die aktuellen lines am asiatischen Markt sind in der Regel derzeit bei 2.75. Es gibt Spiele mit 2.5, aber auch eines mit 3.25 (Union – Bayern). Es ist also im Schnitt etwa bei 2.75.

 

Warum nun diese Annahme erfolgt ist? Dies ist nicht ganz nachvollziehbar. Sofern die Spieler ein wenig rostig wären nach einer längeren Pause: dies würde sowohl Abwehr- als auch Angriffsspieler betreffen. Warum sollte es die Angriffsspieler härten betreffen, in dem Sinne, dass sie dann seltener treffen (gegen „rostige“ Verteidiger, wohlgemerkt)? Abgesehen davon zeigt sich häufig nach einem Neustart – beispielsweise dem Saisonbeginn --, dass es sogar mehr Tore gibt (selbst wenn wesentlich weniger auffällig als man es vielleicht vermuten könnte). Einen Einbruch gibt es aber nicht.

 

Ansonsten wäre der Aspekt des Wetters zu nennen. Jener hat in großen Ligen eigentlich fast vollständig an Bedeutung eingebüßt. Es gibt fast nie mehr einen Spieluntergrund, welcher nicht höchsten Ansprüchen genügt. Falls es diesen jedoch noch in ganz geringem Ausmaß gäbe: im Winter hätte man „traditionell“ aufgrund der schlechteren Spielbedingungen weniger Tore zu erwarten. Der einfache Grund: hier betrifft es tatsächlich die Stürmer härter. „Präzision“ ist nur bei einer gelungenen Angriffsaktion ein Thema. Zum Klären, in der Abwehr, muss man nicht präzise sein, sondern herkömmlich „einfach dazwischen kloppen“. Nur haben wir ja im Mai auf keinen Fall Winterzeit, eher im Gegenteil wären die Spielbedingungen „optimal“.

 

Auf den Heimvorteil bezogen sieht es so aus: dieser hat im Laufe der Jahre abgenommen. Derzeit ist er fast auf einem Niedrigstwert. Auch dafür gibt es wenigstens eine gute Begründung: die Schiedsrichter werden schon lange genau beobachtet und es ist ihnen im Grunde unmöglich geworden, den Zuschauerrufen oder der Empörung, den Pfiffen oder Forderungen nachzugehen. Sollte man es doch tun, so gälte man als schlechterer Schiedsrichter, aufgrund der haargenauen Observierung. Das war ein Fehler, das wird ins große Buch eingetragen. 

Hinzu kommt dieser Tage der Videoassistent, welcher ohnehin Fehler aufspüren würde und eine klare Fehlentscheidung korrigieren. Also mal eben, zur Kompensation für vorherige Ungerechtigkeiten oder weil sie es verdient hätten der Heimmannschaft einen Elfmeter zuzuschustern – wie es vielleicht früher möglich gewesen wäre – ist heute undenkbar oder gar unmöglich. Ein letzter Aspekt in diesem Zusammenhang mag noch erwähnt werden: früher hatte ein Schiedsrichter hier und da vielleicht sogar Angst, gegen die Heimmannschaft zu pfeifen, weil er fürchten musste, nicht heil aus dem Stadion zu gelangen. Auch dies gehört schon länger der Vergangenheit an. Die Angst gibt es nicht mehr.

Zusammengefasst: falls es noch einen Heimvorteil gibt, liegt der nicht an den Schiedsrichtern und auch nicht an der beabsichtigten oder möglichen Beeinflussung der Entscheidungen durch die Zuschauer.

 

Falls es um die positive Unterstützung von den Rängen ginge: auch hier sind erhebliche Abstriche zu machen. In den letzten Jahren ist zunehmend – natürlich in der Regel medial vorgegeben – von „Druck“ die Rede. Alle stehen unter enormem Erfolgsdruck. Die allgemeine Beobachtung ist die: der Erfolgsdruck, welcher da ausgeübt wird, wirkt sich meist leistungshemmend aus. Es ist nicht günstig, wenn vor einem Spiel von einem „heute müssen wir gewinnen“ je die Rede ist. Geschweige denn von einem „Pflichtsieg“. Eher umgekehrt wird man immer häufiger erleben, dass Mannschaften, auf welchen dieser Druck nicht lastet, den eigentlich Ranghöheren selbigen ablaufen. Man erlebt wesentlich häufiger, dass ein namenloser Aufsteiger in den Tabellen – ein weltweit zu beobachtendes Phänomen – vor den nominell höher anzusiedelnden steht.

 

Druck ist nach hier getätigter Beobachtung ein Hemmschuh und alles andere als förderlich. Eine Beobachtung in dem Zusammenhang: als Deutschland bei der letzten Weltmeisterschaft in der Vorrunde ausgeschieden ist haben die Medien ebenfalls diesen unmenschlichen Druck auf das Team ausgebt mit ihren Fragen. Südkorea muss nun einfach besiegt werden, da gibt es keine Ausreden. Die Frage, welche sich der Autor bereits damals stellte: falls sie wüssten, dass sie mit dieser Art des Druckaufbaus mit dieser dämlichen Forderung mindern würden, würden sie sie weiterhin genauso stellen? Also quasi so: „Ich stelle diese Fragen, weil ich sie stellen muss, obwohl ich weiß, dass ich damit ein Ausscheiden ´meiner´ Mannschaft wahrscheinlicher mache, insofern also mir und meinen Bedürfnissen selbst schaden.“ Oder würde man sonst vielleicht etwas anders fragen, dieses Problem realisierend? Der Ausgang ist bekannt. Und hier nur nebenbei, als Mathematiker und Statistiker erwähnt: die Chancen auf Nicht-Sieg standen in diesem Spiel – auch vom Wettmarkt so angesehen – bei etwa 24%. Und kurios wäre doch, wenn man das Eintreten einer 24%-igen Chance als Wunder ansehen würde und dieses noch nie erlebt hätte.

 

Druck schadet, dies die Gesamtaussage. Und in Zeiten, in denen der Druck meist vollkommen sinnlos aber dennoch immer stärker aufgebaut wird, wird dieser wesentlich häufiger die Heimmannschaften betreffen. Die Zuschauer kommen also nicht etwa in Freude auf ein spannendes und gutes Fußballspiel ins Stadion sondern in der Erwartung auf einen Sieg ihrer Mannschaft. Sollte es günstig laufen, dann braucht die Mannschaft die Unterstützung gar nicht mehr. Sie führt 1-0 und es spielt sich quasi von selbst. Sollte sie jedoch NICHT in Führung gehen oder gar in Rückstand geraten, dann reagieren die Zuschauer heutzutage, aufgrund der bei ihnen von den Medien fälschlich erzeugten zugleich falschen Erwartungshaltung mit Unmutsäußerungen wie Pfiffen. Dies wirkt sich alles andere als vorteilhaft aus auf die Spieler, die sich plötzlich nicht mehr trauen, den erforderlichen Risikopass zu spielen oder eben ins Dribbling zu gehen, selbst wenn es die Situation erforderte. 

 

Dies wären nur Beispiele für den ausbleibenden Effekt, dass im Heimspiel Zuschauer, die einen anfeuern, einen positiven Effekt auslösen. Es ist, zusammengefasst, vielleicht neutral, weil es durchaus Situationen gibt, in denen es auch hilft.

 

Insgesamt soll dies nur unterstützen, dass der Heimvorteile eben nachgelassen hat. Zugleich natürlich in gewisser Weise die Begründungen mitliefern, wie er überhaupt zustande kommt – was bei den bisher gehörten Analysen gänzlich entfallen ist.

 

Es bleibt ein letzter Aspekt, wie man einzig den noch immer in gewissem Maße vorhandenen Heimvorteil erklären kann. Denn bisher würde es nur heißen können: es gibt ihn nicht mehr.

Es bleibt aber ein Argument, welches quasi ein Naturgesetz ist. Es ist nicht allein die Bekanntheit der Umgebung, welche beispielsweise bei einem Zweikampf zweier gleichstarker Seelöwen – nur, um eine Auswahl zu treffen – um eine Kuh oder das Terrain den Ausschlag gibt zugunsten des dort zuvor heimischen Tieres. Es ist die Extraportion Kraft, auf welche man unter diese Umständen Zugriff erhält. Man muss sein Territorium verteidigen. Das ist ähnlich wie in Panik. Jeder, der es schon mal erlebt hat oder zumindest beobachtet oder aus Erzählungen gehört hat, wird bestätigen, dass es gewisse Kraftreserven gibt, auf welche man nur unter bestimmten Bedingungen Zugriff erhält. Und eine dieser Bedingungen ist eben, dass man sein eigenes Gebiet – oder, vielleicht noch wichtiger, sein Weib – verteidigen muss. Die Bekanntheit des Gebiets – also die Platzverhältnisse – spielen heute eine untergeordnete Rolle. Vielleicht einzig noch zu erwähnen, dass der Gast möglicherweise ein gewisses Zugeständnis machen muss durch die Anreise. Aber auch hier gilt eigentlich: das ist heutzutage alle so professionell, auch medizinisch abgesichert, dass es kaum noch einen Einfluss hat.

 

Der allerletzte Schluss bleibt: es gibt keine Erkenntnisse, welche vermuten lassen, dass die verwendeten Parameter durch das Ausbleiben von Zuschauern besonders beeinflusst werden. Weder der Heimvorteil noch der Toreschnitt.

 

Insofern gilt, auf die Tore bezogen, dass man fast überall ein over in Erwägung ziehen könnte (gilt übrigens nur für Liga 1; in Liga 2 ist alles relativ normal, wie vorher, geblieben). Ansonsten ist Vertrauen in die Zahlen angesagt. Wie man im Video nachschauen kann.