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Corona Krise im Sport/Fußball, #001 - Wird sich der deutsche Profifußball verändern?

 

 

  1. Fußballvereine als Wirtschaftsunternehmen

 

Wenn man über die Krise im Sport redet, kommt man natürlich nicht an der Erkenntnis vorbei, dass fast alle Branchen in der Wirtschaft betroffen sind oder sein werden, und somit auch der Sport. Wobei eben der Fußball als hierzulande größte Sportart zumindest eine Sonderbehandlung und -betrachtung verdient.

Man darf natürlich die kleineren Sportarten nicht aus den Augen verlieren oder dürfte sich auch um sie vielleicht sogar noch größere Sorgen machen, jedoch wären Pleiten dort unvermeidlich weniger spektakulär, selbst wenn letztendlich sogar wahrscheinlicher. Dennoch soll der Fokus hier erst einmal auf den Fußball gelegt werden.

 

Die Einnahmenseite ist durch die Unterbrechung des Spielbetriebs entscheidend betroffen. Keine Spiele – keine Einnahmen. Das betrifft sowohl das Merchandising als auch Fernsehgelder als auch Zuschauereinnahmen. Auch von DFB, der UEFA oder der FIFA sind keine Gelder zu erwarten, aufgrund von Erfolgen in den Wettbewerben, welche eben nicht stattfinden. Aber selbst wenn ein guter Wille dort wäre: sämtliche Einnahmenerbringer sind ja ebenfalls von der Krise betroffen. Also Sponsoren, der (sonst) zahlende Zuschauer, selbst die Fernsehanstalten verzeichnen einen Einbruch, welcher offensichtlich mit einer allgemeinen Wirtschaftskrise im Zusammenhang steht. Und eine schnelle Genesung ist hier nicht zu erwarten.

 

Zusammengefasst: es sieht hier nicht gut aus. Es könnte durchaus etliche Pleiten geben. Wie lange sich die Situation so aufrechterhalten lässt, ist sicher im Einzelfall leicht unterschiedlich. Aber betroffen sind so gut wie alle.

 

Aber genau deshalb werden auch ziemlich bald Anstrengungen unternommen werden, um den Spielbetrieb auf irgendeine Art und Weise wieder aufnehmen zu können. Ohne Zuschauer, davon ist auszugehen, mit strengen Sicherheitsvorkehrungen, auch, was die Athleten angeht, aber sicher dürfte es irgendwann weiter gehen. Weil zu viele große Interessen dahinterstehen. Es ist hier im Fußball nicht wesentlich anders als in so ziemlich allen anderen Wirtschaftskreisen: erhebliche Einbußen, aber eben deshalb auch erhebliche Anstrengungen, es wieder in „gewohnte“ Bahnen lenken zu können.

 

  1. Die sportliche Situation, der sportliche Wettkampf

 

Eine sehr wesentliche Frage dürfte sich stellen, wie der sportliche Wettkampf wieder aufgenommen werden kann, ohne größere Ungerechtigkeiten. Natürlich wäre es optimal, wenn die Saison zu Ende gespielt werden könnte. Dann könnte man zumindest behaupten, dass es eben eine erzwungene Unterbrechung gab, dass aber nun doch wieder alle die gleichen Chancen hätten, welche sie sich im bisherigen Saisonverlauf erarbeitet hätten. Nur wäre auch dies in gewisser Weise unbefriedigend, um es nicht gar fadenscheinig zu nennen.

 

Denn: je nach Zeitpunkt der Wiederaufnahme wären bereits einige Vereine, welche sich wirtschaftlich in einer schlechteren Position befanden oder befinden, von der Krise ausgelöst, möglicherweise gar nicht mehr wettbewerbsfähig, oder, wie es bei Drittligist FSV Zwickau jüngst so schrecklich-schön hieße „bereits abgewickelt“. Zwangsabstieg die einzig mögliche Entscheidung im Falle der Insolvenz, eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs gar nicht möglich. Aber selbst wenn noch nicht endgültig pleite: es könnten sich hier oder da bereits erhebliche Einschränkungen ergeben. Spieler oder Mitarbeiter, welche keine Gehälter mehr erhielten und sich möglicherweise bereits anderweitig umgeschaut haben oder gar verpflichtet und was auch immer noch daran hängt und den rein sportlichen Wettkampf in nicht völlig ausgewogener Art beeinflusst.

 

Die Alternative jedoch, die Meister oder Auf- und Absteiger nach der aktuellen Tabelle zu vergeben, klingt ebenfalls alles andere als prickelnd und vor allem natürlich nach erheblicher Ungerechtigkeit, welches weitreichende Folgen, für Vereine, für den gesamten Sport, hätte. Und diese möglichen Folgen kann man keineswegs als „erfreulich“ bezeichnen, ganz im Gegenteil.

 

  1. „Gesundschrumpfen“

 

Nun wurde an dieser Stelle bereits vielfach und lange vor der Krise darauf aufmerksam gemacht – oder schlicht die Behauptung in den Raum gestellt --, dass es sich bei dem gesamten Geschäft „Profifußball“ um eine gigantische, aufgeblähte Luftblase handelt, welche ohnehin früher oder später platzen würde. Der Fußball trägt sich nicht mehr selbst. Die riesigen Summen, welche dort an Gehältern oder Ablösen bezahlt werden, werden längst nicht mehr intern erwirtschaftet. Meist sind es externe Gelder, welche von Sponsoren hineingepumpt werden. Ohne es konkreter machen zu wollen: es gibt etliche Vereine, welche am Tropf der Sponsoren hängen.

 

Die Intention dieser Sponsoren ist jedoch in aller Regel nicht allein jene, großzügig zu sein und sich Ruhm erkaufen zu wollen. Oft stehen handfeste finanzielle Interessen dahinter. Insofern handelt es sich eben in vielen Fällen nicht um Sponsoren sondern in der Regel um Investoren. Der Sinn einer Investition ist jedoch, diese irgendwann mit Zins und am besten Zinseszins zurück zu erhalten, und sie somit dem Geschäft wieder zu entziehen.

 

Wie aussichtsreich dies im Einzelfall oder auch allgemein betrachtet auch sein mag: gesund ist es allgemein nicht. Es gibt nämlich zu viele, welche hochtrabende Ansprüche und Hoffnungen haben, die Fleischtöpfe selbst sind jedoch in fast unerreichbarer Ferne. Um es doch einmal konkreter zu benennen: Beispiele wie Paris Saint Germain oder Manchester City zeigen, welcher enormen Kraftanstrengungen es bedarf, um nur ein einziges Mal den allerhöchsten Thron zu erklimmen. Denn: sie hatten bisher zwar bereits in die Milliarden gehend investiert, jedoch noch nicht einmal den kleinen Finger an der ersehnten Trophäe. Und auffallen dürfte: es sind bereits ZWEI Namen genannt, welche es auf keinen Fall zum gleichen Zeitpunkt schaffen werden.

 

Unabsehbar, wie die Geschichte dieser Möchte-gern-Giganten weiter geht, sollten sie eines Tages das Ziel tatsächlich einmal erreichen. Rückzug der Sponsoren, welche es zwar geschafft haben, aber dennoch feststellen, dass die Gesamtinvestitionen bei Weitem das übersteigen, was nun an Einnahmen zu erwarten wäre? Geschweige denn, wenn es, analog zu einem Börsencrash, mehr als ein Großinvestor zum gleichen Zeitpunkt erkennen sollte: die gigantischen Transfermarktwerte, welche den Spielern unterstellt werden, würden wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Man möchte zumindest Teile der Investitionen zurückhaben, durch Transfererlöse – und keiner ist bereit, auch nur die Hälfte des Marktwertes zu bezahlen. 

 

Hier war bisher die Rede von den Giganten. Man denke an wesentlich kleinere Vereine, welche ebenfalls fast alle irgendwelchen Erwartungen permanent hinterherhecheln. Etliche „gefühlte“ Bundesligisten, welche derzeit in der dritten Liga (München 60, Eintracht Braunschweig) oder gar der vierten Liga (Rot Weiß Essen, Alemannia Aachen) wieder finden und eine Rückkehr allein schon ins Profigeschäft eine Mammutaufgabe ist, woran sie regelmäßig scheitern. Diese machen fast immer Investitionen in die Zukunft, welche sie sich, durch (konsekutive) Aufstiege rosig vorstellen – nur um in der höheren Liga festzustellen, dass man noch immer am Hungertuch nagt und dass die Trauben, welche man, zwecks Hungerabbaus so dringend benötigte, fast unerreichbar hoch hängen.

 

Auch in der zweiten Liga gibt es Jahr für Jahr etliche Beispiele, in denen Vereine über ihre Verhältnisse leben, aber das eine Jahr in Kauf nehmen wollen und vielleicht sogar stemmen können. Nur wenn der Wiederaufstieg NICHT gelingt, dann kann es sehr schnell den Bach runter gehen.  

 

Das Credo wäre hier insgesamt: ein gewisses „Gesundschrumpfen“ könnte dem Sport durchaus guttun. Der Abstand zwischen Spielern und Fans ist nicht nur gehaltlich über die Jahre ordentlich gewachsen. Vielleicht täte eine größere Nähe da durchaus gut? Hier in Deutschland ist es ja fast schon üblich, aufgrund dieser großen Distanz sehr schnell böse zu sein auf die Kicker: „Bei dem Gehalt, was die kassieren, werde ich das ja wohl erwarten dürfen.“ Also schimpfen darf man, den gesamten Frust ablassen, über sie herziehen, gnadenlos sein. Falls man quasi im gleichen Boot sitzen würde, würde man sich das sicher so nicht mehr erlauben?

 

  1. Zusammenhalten

 

In der Krise zeigt es sich vielleicht in vielen Bereichen ebenfalls, dass sie geeignet ist, die Menschen einander näher zu bringen, trotz der allgemein geforderten, verlangten und auch meist eingehaltenen physischen Distanz. Menschen rücken zusammen, wenn es ihnen schlechter geht und entfernen sich einander, bis in Neid und Missgunst übergehend, wenn es ihnen (zu) gut geht. Auf einmal ist praktisch jeder ein Geschwister. Man begegnet einem Menschen und weiß, trotz aller denkbaren Unterschiede, dass einen die Sorge um die Zukunft eint. Man lächelt wildfremden Menschen zu, man sieht ihnen kleine Fehler und Schwächen nach, weil man eben weiß, dass es dem Anderen ebenfalls nicht so gut geht in der aktuellen Lage. 

 

Dies gilt natürlich auch für den Profisport. Urplötzlich haben die Spieler Spendenaktionen gestartet oder haben sie auf Gehaltsforderungen verzichtet. Ebenso mag der Nachbarverein, welcher zuvor der große Konkurrent war, plötzlich derjenige sein, der einem am nächsten steht, um den man sich sorgt und für den man sich einsetzt und hilft und unterstützt. 

 

Die gemeinsame Aufgabe lautet: wir wollen doch alle überleben und dazu brauchen wir einander, jetzt mehr denn je. 

 

  1. Sportlicher Ehrgeiz könnte/sollte in den Hintergrund treten

 

Eine weiterhin häufig an dieser Stelle gestellte Beobachtung, übergehend in eine Forderung, lautet: es gibt und es gab schon immer wichtigere Dinge als den Sieg. Allgemein wird sogar vom Fan – vor der Krise, versteht sich – verlangt, sich für nichts anderes zu interessieren als den Sieg der eigenen Mannschaft. Gewinnt sie, darf man sich vielleicht freuen, gar unabhängig vom Zustandekommen, verliert die eigene Mannschaft, darf man sie hemmungslos beschimpfen und verunglimpfen. Auch hier zählt fast gar nicht mehr die Leistung, sondern fast ausschließlich das Ergebnis. Die Forderung würde also lauten, auch an die Medien gerichtet: versteht doch bitte, dass es die Sieger nur dank der Verlierer überhaupt geben kann. Dankt also jenen, dass sie dabei waren. Und ein einfacher Sieg wäre auch nicht einmal das, was es zu feiern gäbe. Ein hochwertiger Wettkampf von Mannschaften auf Augenhöhe, welche sich auf faire Art bekämpfen, aber unmittelbar nach Beendigung des Kampfes die Hand reichen können und sich uneingeschränkt und gerade in die Augen blicken können, anerkennend gegenseitig die Leistung und die Einhaltung der Regeln, ist viel mehr das, was dem Zuschauer Spaß macht und was ihm Freude machen würde, ungeachtet des Ausgangs des Wettkampfes, durchaus hinnehmend, gelegentlich am anderen Ende der Tabelle oder des Ergebnisses zu stehen. Die Fans wären durchaus bereit, dies so anzunehmen, wenn nur die Medien sich so ausrichten würden.

 

Eine derartige Krise bietet erneut die Chance, sich an derartigen Vorgaben zu orientieren. Sagt es nicht nur, dass es Wichtigeres als den Sieg und den Sport gibt, sondern handelt auch danach. 

 

  1. „Fußball als vollwertiger Kriegsersatz“

 

Da ist, trotz allen erkennbaren Sarkasmus´, doch leider viel zu viel Wahrheit drin. Zumindest die Richtung, in welche sich der Fußball in den letzten Jahrzehnten zunehmend entwickelt hat. Selbst wenn es in den 60er Jahren schon ab und an mal hämisch/witzig von den Rängen aus tausenden Kehlen erschall „Einbuddeln – Weiterspielen“, wenn sich ein gegnerischer Spieler am Boden liegend vor Schmerzen krümmte, so dürfte man heute beinahe feststellen, dass das gar kein Witz mehr ist. Schwerste Verletzungen gibt es permanent und selten einmal, dass selbst das Publikum den Atem anhält und sich um den Verletzten mehr oder länger sorgt, als bis er abtransportiert ist und das Spiel endlich weitergehen kann. Auch die Medien geben die allerbesten Vorlagen, indem sie beispielsweise nach einem harten Zusammenprall, bei welchem sich jeder normale Sterbliche bereits etliche Knochen brechen würde und einer der Beiden sich kurz schüttelt oder die Schulter mal eben wieder einrenkt, lapidar mit „... hat Aua“ oder ähnlichen geringschätzigen Bemerkungen, welche viel besser in Kriegszeiten passen würden, nach dem Motto „Nur, weil dein Bein zerfetzt ist, brauchst de dich hier nich so anzustellen, Kämpfe weiter, du Memme!“

 

Leider ist dies alles ausgesprochen herzlos geworden und die Spieler treten viel eher als moderne Gladiatoren auf, bei deren Kämpfen am Ende nur ein Einziger überlebte, als dass sie ehrlichen und fairen Sport austragen würden. Das Motto „Alles ist erlaubt, was den Erfolg bringt“ gekrönt von „morgen fragt eh keiner mehr nach, wie du gewonnen hast“ hat sich leider überall etabliert und ist zur Maxime geworden, welcher sich jeder – Spieler, Verantwortliche, Zuschauer – zu unterwerfen hat und welche, nach hier angestellter langjähriger Beobachtung, von den Medien so ausgerufen und vorgegeben werden, die strikte Einhaltung von ihnen selbst garantiert. Denn wer, wenn nicht sie selbst, würden nach dem Zustandekommen eines der berühmten „dreckigen Siege“, welche eindeutig auf dem Vormarsch sind und sogar eingefordert werden, fragen können? 

 

Auch hier wäre die Krise die Möglichkeit, sich einer von den Fans garantiert und unmittelbar auf- und angenommenen Menschlichkeit wieder anzunähern, in Erkenntnis dessen, dass es tatsächlich nun für Jedermann spür- und sichtbar, wichtigere Dinge auf der Welt gibt, die Gesundheit als oberstes Gut anerkennend.

 

  1. Brot und Spiele

 

Der positive Ausblick, welchen man zusätzlich garantieren können dürfte, ist jener an diesem zeitlosen Zitat orientierte. „Gebt dem Volk Brot und Spiele“. Dann wird es schon zufrieden sein, mehr braucht es nicht. Tatsächlich ist dort sehr viel Wahres dran. Es wird immer die Betreiber der Sportarten geben und mit ihnen werden sich auch die Beobachter einfinden, sobald die dargebotenen Höchstleistungen bei Weitem das übersteigen, was die beobachtenden Sonst-selbst-Betreiber zu leisten imstande wären. Sie tun es zu einem Gutteil zu Unterhaltungszwecken, indem sie die Besten gegeneinander antreten sehen und einen sportlichen Wettkampf auf allerhöchstem Niveau sowie sehr oft mit lange Zeit offenem Ausgang erleben, welcher zugleich für das wesentliche Stilmittel des Spannungserhalts sorgt und gleichzeitig werden sie es auch zu Lehr- und Lernzwecken tun, denn wo könnte man besser lernen als beim Beobachten der Besten der Besten?

 

Insofern dürfte es an der Wiederaufnahme der sportlichen Aktivitäten im Grunde in allen großen und von der Krise am härtesten betroffenen Sportarten nicht den geringsten Zweifel geben. Selbst wenn hier oder da in etwas kleinerem, aber hoffentlich gesünderen Rahmen, und selbst wenn hier oder da im dann hoffentlich viel faireren Umgang miteinander. Dies wäre gar eine der erhofften positiven Auswirkungen.

 

Man darf in diesem Zusammenhang gerne einmal an den Tod von Robert Enke erinnern, welcher auf tragische Art aber doch freiwillig aus dem Leben schied. Auch damals hieß es schon – nur in einem von mehreren Beispielen --, dass man doch immer wieder feststellt, dass es Wichtigeres als den Sport und das Siegen gibt, jedoch waren die Auswirkungen, trotz aller Versprechungen von allen Seiten, bereits nach wenigen Wochen komplett verflogen und alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Denkbar, dass derartige Ereignisse eben nicht, durch die dann doch geringeren Ausmaße, den erhofften Weckruf darstellten und dass es für selbigen einer derberen Krise wie der jetzigen bedurfte? Dies soll zumindest autorenseitig als positiver Ausblick in den Raum gestellt werden, in der erkennbaren Hoffnung, dass sich möglichst viele diesem Gedanken anschließen werden und somit der Durchsetzung auf den Weg helfen.