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Hassplakate in den Stadien

Das eine große Gesprächsthema dieser Tage sind die ausgerollten Plakate mit den Hassbotschaften, welche beinahe hier und da gar für Spielabbrüche gesorgt hätten. Natürlich ist all dies kein Zufall und auch die Fortsetzung der Geschichte, da es „das große Thema“ ist, hat seine nachvollziehbaren Ursachen. Nur muss man schon etwas genauer hinschauen und nicht einfach nur mit den Fingern zeigen und sagen, wie es unisono alle tun und wer es tut, hat so was von recht und er gehört dazu und „die Anderen“ ausgeschlossen. Toll, wie einig man sich da plötzlich ist. Nur: fragen, was eigentlich dahinter steckt, wie es dazu kommt, was es mit den Medien, mit der Aufbereitung des Fußballs, mit der generellen Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem einst so geliebten Spiel „Fußball“, mit der Entwicklung der Regeln oder der reinen Forderung nach Ergebnissen, ohne den Sport, den sportlichen Wettkampf, die Fairness, den freundlichen Umgang miteinander zu berücksichtigen, zu tun hat, tut man nicht. Dabei wäre es allerhöchste Zeit, aufzuwachen und den wahren Ursachen auf den Grund zu gehen – sowie im Anschluss daran diese zu beheben.

 

 

Nun ist bereits in dem länglichen Satz eine ganze Menge von dem aufgetaucht, was als Ursache auszumachen ist, was jedoch nicht als „das große Thema“ behandelt wird. Die ausgerollten Plakate mit den so wenig erfreulichen Botschaften darauf sind letztendlich nur Symptome, kranke Auswüchse als Folge jahrelangen Unter-den-Teppich-kehrens der tatsächlichen Krankeitsherde. Der Fußball IST krank. Und im Grunde spürt jeder, dass es ihm keine Freude mehr macht. Aber nicht, als Folge dieser Botschaften. Da steckt viel mehr dahinter.

 

 

Die Fans sind unzufrieden. Die Unzufriedenheit steigert sich. Fast täglich. Die Atmosphäre in den Stadien ist aufgeheizt. Tore werden nicht mehr bejubelt, sie sind „die pure Erleichterung“. Man freut sich nicht etwa an schönen Aktionen. Nur noch der Ausgang der Aktion ist interessant. Der Fußball wurde von den Medien zum „reinen Ergebnissport“ erklärt. Sie befolgen diese Maxime, der Fan wird gezwungen, diesen Jargon zu übernehmen. Er HAT sich nicht mehr an schönem Fußball zu freuen, er HAT sich über „dreckige Siege“ zu freuen. Nach zwei Niederlagen in Serie darf er zuerst pfeifen – von den Medien „legalisiert“ – und danach darf er „Trainer raus“ rufen. Oder er muss es sogar tun. Der Videoassistent sollte Gerechtigkeit bringen, zumindest ein höheres Maß davon. Keiner kann es so empfinden – aber er besteht fort. Mit täglichen neuen, kranken Auswüchsen von Ungerechtigkeiten, die man nicht ertragen kann. Und wenn man sich dazu äußert, als Fan, weil alles nur noch Schrott ist, was da passiert, und auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam macht, dann wird man nicht gehört – egal, wie recht man hat. Denn: man war doch parteiisch und sagt dies nur, weil die eigene Mannschaft nachteilig betroffen war.

 

 

Es stinkt zum Himmel, der ganze Fußball und alles, was sich da auf den Plätzen abspielt und Otto Rehhagel hatte es als Erster erkannt: die Medien sind an allem schuld. Selbst wenn man diesen Satz leicht entschärfen darf zu „sie sind für das alles verantwortlich“, dann bleibt die Botschaft die gleiche. Und bekanntlich stinkt der Fisch vom Kopfe. Medien machen die Vorgaben, auch die Verantwortlichen können nicht anders, als sich der Macht der Medien zu beugen.

 

 

Die Fans sind also unzufrieden. Sie sind anwachsend unzufrieden. Sie sind in einer aufgeheizten Atmosphäre. Irgendwo sucht sich das ein Ventil und es findet eines. Abgesehen davon, dass das durch die lieblose, herzlose Berichterstattung und den vielen Ungerechtigkeiten, sie man tagtäglich empfinden muss, ein gewisses Klientel angezogen wird. Oder besser: es bleiben die paar wenigen da, die man noch nicht verscheuchen konnte, weil sie das so hinnehmen. Aber eben nur bis zu einem gewissen Ausmaß. Dann ist zu viel Druck auf dem Kessel. Dann muss es raus – und es zeigt sich in diesen Botschaften. Und wenn es sich nicht einschränken lässt, sondern umgekehrt, noch mehr davon geschieht, dann ist auch dies Beweis für die Macht der Medien: sie geben das große Thema vor, die Menschen, die den Druck ablassen wollten erkennen, dass sie nun jetzt und hier ihre große Bühne und ihren großen Auftritt haben können, sind dankbar für die hohe Aufmerksamkeit, die ihnen plötzlich zukommt – und wiederholen es.

 

 

Schauen wir aber doch ruhig mal, ob es nicht, außer Druck abzulassen, eine Botschaft gibt, welche hinter diesen Plakaten steht? Und man wird sehr leicht fündig. Es ist nicht, weil man Leipzig oder Hoffenheim oder wen auch immer, der Geld investiert und sich Erfolg kauft, nicht mag. Es ist viel mehr, dass die „ehrliche Arbeit“ und die jahrzehntelange Tradition, welche sich andere Clubs in der Bundesliga aufgebaut haben, mit viel Herzblut und viel Leid und auch Geld, was der Fan investiert hat, nicht geschätzt wird und sich nicht auszuzahlen scheint. Es kommt einer daher, blättert ein paar hundert Millionen hin – und schwuppdiwupp stehen die so beförderten in ein paar Jahren, ohne diesen einen einzigen Tropfen Schweiß und das kleinste bisschen an Schmerz und ohne jegliche Tradition in der Tabelle vorne.

 

 

Bayer Leverkusen, als „Werkself“ getauft und ebenfalls jahrzehntelang um Anerkennung ringend aber nun aufgenommen in den Kreis der „Traditionsclubs“, hatte den Anfang gemacht. Vielleicht eben noch mit Bayer Uerdingen zusammen, aber da konnte sich nur einer halten. Wolfsburg, Ingolstadt sind weitere Beispiele, bei welchen externes Geld reingepumpt wurde und tatsächlich partiell Erfolge heraussprangen. Es gibt sicher ein paar mehr davon, natürlich ebenso von erfolglosen derartigen Projekten.

 

 

Nur sind eben viel traditionsreichere Clubs wie Alemannia Aachen, Rot Weiß Essen, München 60, 1.FC Kaiserslautern, Eintracht Braunschweig – um nur einige zu nennen – etliche Spielklassen abgerutscht. Ein Aufbegehren gegen Großinvestoren ist zugleich eine Solidaritätsbekundung diesen Traditionsclubs gegenüber: wir hätten lieber die in der Bundesliga als diese ganzen Retortenvereine. So in etwa zunächst mal die Botschaft interpretiert.

 

 

Und man darf sich darüber ruhig Gedanken machen. Sofern man einen Teil der Wahrheit darin findet. Es ist ja nicht neu, dass die Fans sich gegen diese Vereine stellen. Sie ringen eben um Anerkennung, welche sie sich – siehe Leverkusen – über ein paar Jahrzehnte erarbeiten müssen. Und selbst dann könnte es eher bei Respekt gepaart mit Neid gegenüber echter Zuneigung bleiben.

 

 

Nur sagt dies auch etwas über den Fußball aus: die Traditionsclubs kämpfen ums Überleben. Weil nämlich das angeblich so gigantisch große Geschäft des Fußballs nicht ausreichend Gewinne abwirft, um sich allein damit eine gute Mannschaft aufzubauen. Das Geschäft ist gar nicht so groß, wie man tut. Man versucht, an allen Ecken und Enden neue Märkte und Einnahmequellen aufzutun – aber man tut sich ausgesprochen schwer damit. Der Fan ist vielleicht gar nicht so zahlreich, wie er sein müsste, damit sich das große Business finanzieren lässt. Und noch weiter melken lässt er sich nicht und hat vielleicht auch nicht einmal mehr ausreichend viel Milch übrig, die man herauspressen könnte. Es geht NUR noch mit externem Geld. Und die meisten, welche von außen Geld reinpumpen bleiben das, als was sie sich eigentlich auch verstanden wissen wollen: sie sind Investoren. Sie investieren Geld, um später noch mehr zurückzubekommen. Dass viele dieser Projekte vermutlich auch scheitern (oder teilweise schon gescheitert sind) ändert nichts daran, dass sie es zumindest versuchen und noch nicht erkannt haben, dass der Fußball eigentlich am Tropf (dieser Investoren) hängt.  Wenn sie erkennen, dass sie im Grunde, wie an der Börse in eine fallende Aktie, investiert hätten, dann könnte diesem Tropf bald ebenfalls der Hahn abgedreht sein.

 

 

Die Fans sind also unzufrieden. Sie sind unzufrieden mit den Regeln, mit der Berichterstattung und mit dem Spiel selbst. Sie verschaffen ihrem Ärger Luft. Da wird ein fast beliebiger Anlass genommen. Wenn es nicht das wäre, wäre es etwas anderes. Die Zwischenrufe mit dem „Sch... DFB“, die man häufig genug schon zuvor gehört hat, wurden geflissentlich ignoriert, übergangen. Da war es nicht ein Einzelner, oder warum übergeht, überhört man das?  Die gewaltige Schieflage, die sich zusätzlich durch die vielen externen Milliarden (Manchester City oder Paris Saint Germain, nur als weitere Beispiele) ergibt, sorgt für weitere Unzufriedenheit. „Was sollen wir dagegen tun? Nein, das ist ungerecht.“ Aber sie können sich vielleicht nicht einmal richtig artikulieren. Nur: selbst wenn sie es könnten, die Gründe für die Unzufriedenheit beim Namen zu nennen – welche zugleich, wie hier aufgestapelt, sehr vielschichtig ist : an würde ihnen so oder so nicht zuhören. Sie gelten, als Fans, als „befangen“.

 

 

Man lese gerne etwas genauer: „Wegen einem H...sohn euer Verspreche gebrochen – keine Kollektivstrafen!“

 

 

Das ist eine Botschaft, neben der persönlichen Beleidigung. Die Botschaft ist wohl klar. Sie würde aber so oder so nicht verstanden werden. Auch ohne die Beleidigung. Also bringt man diese einfach mit unter. Vielleicht schaut man DANN genauer hin? Auch nicht. Egal, machen wir wieder und wieder und wieder.